Stroblhof

Als der Sepp geboren wurde, hieß er nicht Obermeier. Noch bei der Einschulung in Weyarn war er der Josef Gast aus Fentbach. In der Volksschule von Wasberg dann, dorthin musste er zwei Jahre später wechseln, trug der Lehrer ihn mit ›Obermeier, Josef‹ in die Liste ein. Sein leiblicher Vater hatte ihn adoptiert und zu sich auf den Stadlberg genommen. Froh wurde er darüber nicht.

Eine gute Zeit war es gewesen bei der Großmutter auf dem Christerhof, dem seinerzeit größten Hof im Dorf: »In Fentbach habe ich eine schöne Kindheit gehabt, sie hat mich geprägt«, sagt Sepp heute. Die Prägung hatte Bestand. Alle Härten, die er im weiteren Leben erdulden musste, konnten ihm das frohe Herz nicht brechen. Auch im Alter von fünfundachtzig Jahren spiegelt sich noch ein wenig von der Unbeschwertheit der Kindheit in seinen Augen wider, in diesen klaren Augen, an deren äußeren Winkeln kleine Lachfältchen sich in die lederne Haut gegraben haben.

Ein ›ledig’s Kind‹. Die Mutter ging noch in Weyarn zur Schule, war zu jung, als der Josef Obermeier auf sie aufmerksam wurde und ihr den Hof zu machen begann. Dem Charme des stattlichen, 23-jährigen Sohns des Stroblbauern Peter Obermeier aus dem benachbarten Sonderdilching hatte das Mädel nichts entgegenzusetzen. Ob sie seinem Schwur glaubte, sie alsbald zu heiraten, wenn sie ihn nur gleich erhöre, ist schwer zu sagen, unbestreitbar aber die Tatsache, dass sie sich verführen ließ und schwanger wurde. Damals wie heute ist so etwas nichts Ungewöhnliches, damals kam eine uneheliche Geburt vielleicht sogar häufiger vor. Das lag vor allem daran, dass die gutkatholische Bevölkerung auf dem Land die Gebote der Kirche achtete, Verhütung, gar Abreibung, verpönt war. Aber ebenso eine Rolle spielte die besonders in Bayern verbreitete Ansicht, dass der Mann ein Recht habe zu wissen, ob seine künftige Frau zeugungsfähig sei. Auf einem anderen Blatt steht, dass die Leute schon ein wenig schief schauten, wenn auf die Geburt nicht die Hochzeit mit dem Erzeuger folgte, das Kind endgültig zum ›ledig Kind‹ wurde.

Der kleine Josef kam am 19. August 1931 zur Welt, just an dem Tag, als der große Josef, sein Vater, den vierundzwanzigsten Geburtstag feierte. Von den Versprechungen gegen die Kindsmutter wollte Letzterer nun nichts mehr wissen. Trotzdem wurde der Sohn auf den Vornamen des Vaters getauft, den Nachnamen der Mutter übernahm er natürlich. Die Mutter stillte den kleinen Josef drei, vier Monate, dann ging sie bei der bekannten Erzgießer- und Architektenfamilie von Miller auf dem Bayerhof als Köchin in Stellung, zog nach Holz am Tegernsee, dort lag der Bayerhof, und überließ ihren Sohn der Großmutter.

In den Familien damals wurde die Tochter, die ein uneheliches Kind anbrachte, vielleicht geschimpft und mit Verachtung gestraft vom Vater, aber auch für das Familienoberhaupt – die Frauen zeigten sich meist von vornherein nachsichtiger – war es selbstverständlich, das ›Enggä‹ unter dem ›Fehltritt‹ der Tochter nicht leiden zu lassen. Ein Enkel gehörte zur Familie und damit stand außer Frage, dass es von der Großmutter aufgezogen werden würde, wenn die Mutter aus dem Haus und für sich selber sorgen musste. Die Familienbande waren nicht unbedingt besonders eng in jener Zeit, heftiger Streit untereinander gewiss genauso häufig wie heute, doch jedes Familienmitglied nahm sich in Acht, die Bande nicht zu zerreißen. In der Not, dessen war jedermann auf dem Land sich bewusst, konnte nur die Familie helfen, auf sie warst du angewiesen, auch wenn es oft genug schwer fiel, den scheinbar gerechten Zorn zu unterdrücken.

Zwei Schwestern der Mutter war es nicht anders ergangen als ihr selbst, beide hatten ein illegitimes Kind zur Welt gebracht und es ebenfalls der Großmutter in Fentbach anvertraut. Die beiden Bäschen und Sepp wurden gemeinsam aufgezogen, das heißt, die drei liefen einfach mit im bäuerlichen Haushalt, bekamen Strenge zu spüren, wenn sie sich nicht an die Regeln hielten, genossen ansonsten jedoch die Liebe der Großmutter und viel Freiheit. Der Sepp hatte diese treusorgende, grundgütige Frau sehr gern, denn sie war »selbstlos und gut«. Geld war kaum eins da, die Bauersleut’ vom Christerhof hatten keine Reichtümer, aber hungern musste niemand, und ein Festtagsgwand für die Kinder lag auch im Kasten.

Sepp war gerade neun Jahre alt, da heiratete beim Christerbauer der Onkel und übernahm den Hof. Jetzt gab es keinen Platz mehr für ihn und seine beiden Bäschen, alle drei mussten sie fort. Die eine Cousine kam nach Esterndorf, die andere nach Sufferloh, doch wohin sollte der Sepp? Die Mutter war Köchin auf dem Bayerhof. Dahin konnte er zu den Ferien, und er hatte es immer sehr schön gefunden bei der Mutter auf dem großen Hof. Aber die Herrschaften erlaubten natürlich nicht, dass er dort aufgezogen wurde. Später, als die Mutter einen Bauern aus Holz mit einem eigenen Hof geheiratet hatte, hätte sie ihn aufnehmen können, aber da war es zu spät, da war er schon dem Vater gegeben worden.

Der Vater nämlich, der Obermeier Josef, hatte inzwischen eine andere Frau genommen, wohl weil die ihm einen Hof einbrachte auf dem Stadlberg bei Miesbach. Mit der Katl, so hieß seine Frau, bewirtschaftete er nun den Stadlhof. Die beiden konnten keine Kinder bekommen. Deshalb ergriff der Obermeier die Gelegenheit, adoptierte seinen unehelichen Sohn und nahm ihn zu sich auf den Stadlberg, als Sohn und als Arbeiter, den er nicht zahlen musste.

Mit einem Schlag war für Sepp die Kindheit vorüber. Vom zehnten Lebensjahr an bekam er zu spüren, wie hart das Leben sein kann. Sein Großvater aus Fentbach hatte ihn nach der Adoption, »als die Mutter mich hergeschenkt hat«, wie Sepp selber es ausrückt, von Miesbach hinauf zum Stadlberg gebracht. Bis zum Hof war der Großvater jedoch nicht mit ihm gegangen, denn er mochte Sepps Vater nicht, wollte ihm die Hand nicht schütteln. Als sie auf die Höhe kamen und der Hof vor ihnen auftauchte, zeigte er in die Richtung und sagte: »Bub, da musst Du jetzt hingehen!« Dann ließ er den Sepp stehen, drehte sich um und ging wieder hinunter. Sepp wird es heute noch schwer ums Herz, wenn er daran denkt, dass er ganz allein mit seinem kleinen Gepäck zu den ›neuen‹, ihm vollkommen fremden Eltern gehen musste: »Ich hab’ gezaudert, ganz gebrechlich war ich und bin eingeknickt. Da sind sie mir entgegengelaufen, weil sie gemeint haben, mir ist etwas passiert. Aber es war mir nichts passiert. Ich bin nur aus Schmerz zusammengebrochen. Da war ich neun Jahre! Wenn du das heute bedenkst, dass Kinder einfach allein irgendwo hingeschickt werden, wo sie vollkommen fremd sind, und es heißt, da musst du jetzt bleiben! Ich hab’ ja nichts gehabt, außer so einem kleinen Packl. Da war das warme Gwand und das Sonntagsgwand drin, mehr hatte ich nicht. Und auf dem Stadlberg hat es mir nicht gefallen. Ich glaube, ich habe sechs Wochen geweint. Ganz allein war ich, vor allem bei der Nacht. Die Stiefmutter hatte für Kinder nichts übrig.«

Die Katl war eine herbe Frau, fast schon wie ein Mann. Sie hatte selber eine Kindheit ohne jede Liebe erlebt und wie es ihr ergangen war bei Ihrem Stiefvater, einem rechten Sadisten, so sollte es nun auch der Stiefsohn erfahren. Mitleid mit dem Sepp kannte sie nicht. Vom ersten Tag an ließ sie den Buben abends allein und ging mit ihrem Mann entgegen der Sitte damals ins Wirtshaus. Oft waren die beiden bis tief in die Nacht fort, fast jeden Abend sind sie gegangen. Unvergesslich ist dem Sepp, wie die ›neuen‹ Eltern ihn gleich zu Beginn seiner Zeit auf dem Stadlberg wüst zusammengeschimpft haben. Er habe die Hausbank mit Schuhcreme beschmiert! Ein großes Gezeter war, und auf seine Beteuerungen, er sei’s nicht gewesen, hörten sie nicht. Er war aber unschuldig, und dass sie ihm nicht geglaubt, ihn immer weiter beschimpft haben, das hat sich im unschuldigen, ehrlichen Gemüt des jungen Burschen so festgesetzt, dass er es heute noch als Schmach empfindet.

Nur die Lena, die als Magd auf dem Hof arbeitete, war nett zu ihm. An sie erinnert er sich gern: »Die war mir am liebsten!« Im Krieg wurden Soldaten auf dem Hof einquartiert, einer von ihnen versprach der Lena die Ehe und sie ist fortgegangen, um ihren Liebhaber zu heiraten. Dem Sepp brach das Herz. Aber bald kam sie drauf, dass der Soldat schon verheiratet, sie nicht die Einzige war, der er die Ehe versprochen hatte, und kehrte auf den Hof zurück. Zu allen Nachbarn ist der Sepp an dem Tag nach ihrer Rückkehr auf dem Schulweg gerannt und hat ihnen zugerufen: »Die Lena ist wieder da! Stellt euch vor, die Lena ist wiedergekommen!«, so freute er sich, dass seine einzige Freundin zurück war. Dass die Nachbarn das nicht interessiert hat, konnte er sich in seiner Freud’ gar nicht vorstellen.