Sie hatten blaue Latzhosen an

Sie hatten blaue Latzhosen an, deshalb erkannte ich sie nicht sofort, Hosen wie Arbeiter sie einmal getragen haben und wie sie zu der Zeit bei Alternativen, DKP-Anhängern und Schwangeren beliebt waren. Jetzt standen sie unten, vor dem Zaun, und schrieen zur Terrasse hinauf, fahl unter der braunen Haut vor Übermüdung, aber lachend und erleichtert. Vier Tage in einer einmotorigen Rockwell über die Alpen, über das Mittelmeer, die Sahara, schließlich über die Regenwälder Zentralafrikas und nun hier vor unserem Haus in Kamerun. Sie hatten es geschafft, trotz des Benzinmangels in Tamanrasset, trotz defekter Funkfeuer und trotz der in Afrika üblichen Schikanen durch die Grenzbeamten an den Flugplätzen. Sie wollten Afrika erleben.

Unser Afrika, die niedrigen Himmel mit den Wolkenformationen, die es nur dort gibt, den Regen, der über die Blechdächer der Häuser näher und näher kommt mit lautem prasselnden Geräusch, den Sonnenuntergang mit dem ersten Glas Whisky in der Hand, die Afrikaner, laut , unbekümmert und fröhlich oder, in öffentlicher Funktion, arrogant, unfreundlich, korrupt. Die Poto-Poto-Hütten mit dem Lehmfußboden, der so sauber und glatt ist wie gepflegtes Parkett, die Nachtwächter vor jedem Haus, bewaffnet mit Macheten, im Ernstfall aber im Tiefschlaf, der Koch der Angst vor dem eigenen Hund hat und prompt gebissen wird, die feuchte, immer warme Luft, die nach Sinnlichkeit riecht und unbesonnen macht. Unser Afrika, in dem wir jetzt schon zwei Jahre lebten.

Es war das wirkliche Afrika, anders als das Afrika im Süden, in dem wir, Angelika, die Kinder und ich, später unsere schönste Zeit verbrachten, es war das Afrika der Potentaten, die unbegrenzte Macht ausübten, das Afrika, in dem es noch ein Kaiserreich gab, dessen Herrscher nach Zeitungsberichten das Fleisch kleiner Kinder als Delikatesse verspeiste, das Afrika, in dem der wohl blutgierigste aller afrikanischen Diktatoren, Macias Ngema, die Hälfte seiner Bevölkerung ausrottete, dem Rest die Flucht vereitelte, indem er alle Fischerboote verbrannte und die Menschen der Küste damit zum Hungertod verurteilte. Das Afrika, das noch Kapital schlagen konnte aus dem kalten Krieg, das die beiden Supermächte gegeneinander ausspielte, das Afrika, dessen Regierende in Frankreich Unterschlupf fanden, wenn sie tatsächlich einmal aus dem Land gejagt wurden. Ein Afrika, in dem es noch keinen Hass auf Weiße gab, Schikanen zwar, aber keinen militanten bösartigen Hass, obwohl überall und jederzeit die unterschwellige Angst vor Repression und körperlicher Gewalt da war, bei den Weißen. Aber diese Angst lernte ich zu beherrschen, mit ihr zu leben, wenn ich auf Straßensperren mit betrunkenem Militär traf, wenn ich von der Geheimpolizei nach der Rede des Präsidenten in den Waschraum abgedrängt wurde, weil ich diese Rede mit einem Tonbandgerät aufgenommen hatte, nicht wissend, dass das nicht erlaubt war.

Zu dieser Zeit gab es in Jaunde, der Hauptstadt Kameruns, die nicht mehr war als ein großes Dorf am Rande eines Tropenwaldes, dessen Tiere bis auf ein paar Schlangen in die Kochtöpfe gewandert waren, ein einziges Hochhaus. Wurde die Mittagsruhe noch eingehalten, waren die Cafes noch Treffpunkt aller Expatriats und emporgekommenen Kameruner, kaufte man noch beim französischen Metzger ein, weil man die Fliegen und den Gestank auf dem Fleischmarkt fürchtete, obwohl dieser Metzger ein durch und durch schmutziger Mensch war, schmutziger als jede Fliege es sein konnte. Es gab die Restaurants, in denen die französische Küche, die französischen Tischsitten gepflegt wurden, Restaurants, die besser in Paris kaum zu finden waren, deren Gérants nicht nur die Champagner und Weine aus Frankreich importierten, sondern sich Schnecken, Froschschenkel oder Agnus-Rindfleisch frisch aus der lange verlassenen Heimat einfliegen ließen.

Die Einheimischen besuchten diese Restaurants gelegentlich, wenn sie arriviert waren und Geld hatten, und das war bis auf einige wenige reiche Händler (der Handel lag ansonsten in den Händen von Libanesen) nur die herrschende Clique, die über die Pfründen der Staatseinnahmen verfügen konnte. Aber auch die Wohlhabenden bevorzugten das traditionelle Mal zu Hause – Süßkartoffeln und Maniok mit Huhn, Schlange oder Affe. Affen wurden am Bahnhof angeboten, sie lagen da wie Henkeltaschen, den Schwanz über den Kopf zurückgebogen und im Maul festgeklemmt, bequem zu tragen, aber ohne Haltbarkeitsdatum und wegen der Hitze auf dem Bahnhofsvorplatz oft schon mit Maden durchsetzt.

Dies alles sollte ich nun den Dreien zeigen, die von Deutschland gekommen waren, in ihrem kleinen Flugzeug, den Freunden aus Studienzeiten, Zeiten, die für uns alle noch nicht so lange zurücklagen, als dass wir unsere Aufgeschlossenheit für alles Fremde, unsere natürliche Neugier bereits verloren hätten. Zwei Mediziner und ein abgebrochener Jurist, auf Abenteuer aus. Jeder auf seine Art, der eine furchtsam, der andere entschlossen, alles bis zur Neige auszukosten und der dritte prinzipiell mutig, aber von der Angst vor Infektionen beherrscht, obwohl es die Geißel Afrikas, die Immunschwäche AIDS noch nicht gab.

Samstagabend, die einzige Diskothek in Jaunde, eine umgebaute Lagerhalle, etwas abseits gelegen, frequentiert nur von wenigen männlichen Schwarzen, aber von unzähligen Frauen, die jung waren, attraktiv, sinnlich und Geld verdienen wollten. Damals, ich kannte Lateinamerika noch nicht, war für mich der Tanz einer Afrikanerin die vollendete Verknüpfung von sinnlicher Bewegung und rhythmischem Gefühl, pure Ästhetik, selbstverloren, von tief innen kommend. Heute bin ich mir nicht sicher, ob dieser afrikanische Tanz nicht noch übertroffen wird von dem in Mittel- und Südamerika, aber damals war ich fasziniert, und die Erkenntnis, dass wir Europäer es zu einer solchen Vollkommenheit nie bringen würden, dass wir uns zu Musik nie aus einem inneren Rhythmus bewegen, sondern nur reagieren können, antrainiert, ohne natürliche Grazie, nahm mir einen Teil meines weißen Hochmuts.

Mit fast allen Frauen hier konnte man schlafen, ja, es war selbst in weiblicher Begleitung schwer, sich der Sinnlichkeit dieser Frauen zu entziehen, so aufgeladen war die Atmosphäre, so intensiv und offen wurde die Sexualität zur Schau gestellt. Diese Frauen wollten Geld verdienen, aber sie waren nicht Dirnen im europäischen Sinn, ihre Sexualität war unbescholten, keine über Generationen anerzogene Moralität warf den Schleier der Verwerflichkeit über diese natürliche wenn auch zweckgerichtete Erotik, mit der sie sich den Lebensunterhalt verdienen konnten.

Am nächsten Tag frühstückten wir spät und das Frühstück zog sich hin. Zwei der Freunde waren erst am Morgen zurückgekommen und mussten ihre Erlebnisse der Nacht erzählen, berichten, wie sie der afrikanischen Erotik erlegen waren, wie oft und zu welchem Preis. Denn nur einer, der Furchtsame der beiden Mediziner, war noch spät in der Nacht mit mir nach Hause gefahren. Die Angst hatte sich als stärker erwiesen als alle Versuchung. Jetzt bereute er es, einmal hätte er sich ausleben können. Aber ihm war nicht zu helfen, sein ganzes Leben sollte aus unerfüllten Träumen bestehen, tüchtig als Arzt, später auch mit einer netten, ihm gemäßen Frau. Träume hat er sich nie verwirklicht. Vielleicht hatte er keine oder aber sie waren so schal wie sein Leben, das wenig Enttäuschungen und keine Höhepunkte brachte.

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