Der Angriff

Der 21. Juni war ein strahlender Tag, und wir saßen wie jeden Tag an unseren Geschützen, als sie am Himmel auftauchten. Eine Formation von wunderschönen silbernen Riesenvögeln, reflektierend in der Sonne, aber weit, weit über uns in drei- oder viertausend Metern Höhe. Begleitet wurden sie von sogenannten Pfadfinderflugzeugen, diesen kleinen »Lockheed Lightnings« mit ihren merkwürdigen zwei Rümpfen. Ein schaurig-schöner Anblick, den wir nur sehr kurz genießen konnten, dann mussten wir von den Geschützen weg und in unseren Erdlöchern Schutz suchen.

Mit unseren kleinen Flugabwehr-Geschützen, die lediglich für die Verteidigung gegen Tiefflieger ausgelegt waren, konnten wir die hochfliegenden Bomber oder die vorauseilenden »Pfadfinder« nicht erreichen. Uns blieb nur, in den kleinen Unterständen Deckung zu nehmen, die wir, jeder seinen eigenen, für den Notfall in den Boden gegraben hatten. Das war, als würde man in sein selbstgeschaufeltes Grab steigen. Man duckte sich in das Erdloch und konnte ein dünnes Holzbrett gegen die Splitter über sich ziehen. Das war unser ganzer Schutz gegen die Fliegerangriffe.

Da saß ich nun in meinem Loch, hatte das Brett weggeschoben und spähte hinaus. Ich sah die »Lightnings« kommen, in denen geographisch geschulte Piloten mit guter Kenntnis des Zielgebietes saßen, sah wie sie ihre Nebelbombe zündeten und damit das Zeichen gaben an die Kameraden in den B-17-Maschinen, die Bomben auszuklinken. Als die Bomben dann fielen, machten sie ein schreckliches, bis ins Mark dringendes, Geräusch, etwa so, als wenn ein Düsenjäger unter Volllast auf einen zuflog. Es hatte den Anschein, als seien die Bomben direkt über uns abgeworfen worden, und ich konnte nur noch denken: »Hoffentlich nicht auf uns, hoffentlich verschonen sie uns!« Tun konnte man nichts, nur beten, dass sie nicht uns, sondern das Werk trafen und dass die Piloten der Pfadfinderflugzeuge den Zeitpunkt für den Abwurf richtig berechnet hatten. Die Todesangst war fürchterlich, jede Faser des Körpers war angespannt in der Erwartung, im nächsten Moment getroffen zu werden.

Und dann schlugen die Bomben mit einer Detonation ein, die die Erde erbeben ließ. Keine einzige traf unsere Stellung, alle gingen im Ziel, dem Werk der Brabag nieder. Aber das war reines Glück, denn das Werk, auf das der Bombenteppich gelegt wurde, lag nicht weiter als vielleicht zweihundert Meter von unserer Stellung entfernt und die Piloten der Bomber konnten bei der Geschwindigkeit, mit der sie flogen, gar nicht zielen. Sie warfen ihre Bomben blind ab, sobald sie das Rauchzeichen sahen. Für uns war es ein reines Vabanquespiel.

Sechs-, siebenmal griffen sie an diesem Tag an, sechs-, siebenmal warfen die »Pfadfinder« ihre Rauchbomben, und jedes Mal aufs Neue überfiel mich diese Todesangst, die sich mit dem nervenzerreißenden Geräusch der anfliegenden Bomben ins Unerträgliche steigerte und jedes Mal erst mit der infernalischen Detonation wieder in sich zusammenbrach. Auch dieses Mal war ich nicht getroffen worden! Wie ich diesen 21. Juni überstanden habe, wie wir alle das ausgehalten haben, weiß ich nicht. Heutzutage würde man sagen, Kinder, die so etwas erleben — und Kinder waren wir ja noch — müssen psychologisch betreut werden. Wir damals mussten am nächsten Tag wieder an den Geschützen sitzen und auf den nächsten Angriff warten. Die B-17-Bomber sind jedoch nicht wiedergekommen, solange wir dort als Flakhelfer eingesetzt waren.

 

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