Hochzeit und Aufbruch

Wir drei wollten also in den Westen, das stand fest. Ich hatte das lange geplant, schon Ende 1949 mit den Vorbereitungen begonnen. Ich habe es sogar geschafft, nicht heimlich über die grüne Grenze gehen zu müssen, sondern ganz offiziell ausreisen zu können. Denn mit meiner abgeschlossenen Bandagistenlehre hatte ich etwas in der Hand, das ich nutzten konnte. Einem unserer Familie bekannten russischen Offizier, so ein Geheimdienstmann, der war bestechlich, habe ich gesagt: »Ich habe jetzt meine Lehre abgeschlossen und will noch die Meisterprüfung machen, dazu muss ich aber auf die Schule nach München. Das dauert ein Jahr, danach komme ich zurück.«

Das stimmte nicht, ich wollte weder nach München, noch wollte ich den Meister machen. Aber das konnte keiner nachprüfen, weder die noch ich wussten, ob es in München überhaupt so eine Schule gab. Ein paar Mal ist dann alles so hin und her gerutscht, erst wollte er, dann wieder nicht und man musste ihm wieder etwas zustecken — wenn ich mir das überlege, war es ein richtiges Trauma — aber schließlich hatte ich den Offizier soweit, dass er mir die Ausreisegenehmigung unterschrieben hat.

In der Zeit sind viele in den Westen gegangen und es durfte nicht bekannt werden, dass wir endgültig weg wollten. Um Gottes willen, wenn das von jemandem publik wurde, haben sie den eingesperrt, sie hätten sonst ja eine Arbeitskraft verloren. Aus dem Grenzgebiet sind trotzdem viele abgehauen. Wer bis zur Grenze laufen konnte, der ist bei Nacht und Nebel durch die Saale gegangen. Selbst mit kleinen Kindern sind sie ausgerissen, die wollten einfach nur weg.

Zu Anfang, als die Russen noch als Grenzer eingesetzt wurden, das war so in den 46er, 47er Jahren, war es auch schon nicht ganz einfach, über die Grenze zu gehen, man musste ja den Fluss überqueren. Aber den Russen war es ziemlich gleichgültig, ob wir blieben oder gingen, die hatten ihre Befehle und mussten die irgendwie ausführen. Ich weiß noch von einem Flüchtling, der ist mit einem Lastwagen, voll mit seinen Möbeln, einfach über die Grenze gefahren, ohne dass etwas passierte, die Russen haben nur ein paar Mal in die Luft geschossen. Als dann die Vopos kamen, die Volkspolizei, also unsere eigenen, da wurde es richtig gefährlich. Das waren indoktrinierte Überzeugungstäter.

Das kümmerte mich aber nicht, ich bin mehrmals über die grüne Grenze gegangen, und bei meinem letzten Besuch hatte ich im Westen, also hier in St. Johannis, schon unser künftiges Quartier beim Gasthof Angerer angemietet. 87,50 Mark musste ich Vorkasse leisten, weil der Angerer gesagt hat: »Der Windhund kommt nicht wieder, der kriegt das nicht, wenn er nicht vorher alles zahlt«. Oh je, dachte ich, als ich das Geld hingezählt habe, da sind schon so viele von meinen paar getauschten Westmark weg, bevor wir überhaupt drüben sind.

Schließlich bin ich zu meinen Eltern gegangen und habe denen gebeichtet, dass nicht nur Günther und ich nach Drüben gingen. Dass wir beide weg wollten, wussten sie ja, aber dass Inge mit sollte, davon hatten sie keine Ahnung.

»Wie stellt Ihr Euch das denn vor?«, hat mein Vater gefragt. »Ihr könnt doch nicht einfach hier abhauen!«

»Richtig!«, hab’ ich getrotzt, »einfach abhauen, was anderes wird nichts!«

»Nee«, hat er geschimpft. »Ihr könnt nicht nach Bayern, unverheiratet! Es muss geheiratet werden, oder Ihr geht nicht!«

So war die Zeit damals, die jungen Leute konnten noch nicht tun, was sie gerade wollten. Ich musste also erst einmal zur Inge gehen und fragen: »Ach Du, wollen wir nicht heiraten?«

Dann zu den Schwiegereltern. Die mussten ihre Einwilligung geben, denn Inge war ja noch nicht volljährig. Sie haben natürlich gefragt, warum das denn sein müsse und waren nicht gerade begeistert. Da hat die Inge gefleht und gebettelt, mit Weinen und allem Drum und Dran, bis sie schließlich zugestimmt haben. Wir sind zum Pfarrer gelaufen.

»Also, wir wollen heiraten!«

»Aha«, hat der gemeint: »Ihr müsst heiraten!« »Nee, nee, wir müssen nicht, wir wollen heiraten!«

Nur sehr schwer konnten wir ihn überzeugen, dass kein Kind unterwegs war. Wir haben es dann geschafft, mit viel List und Tücke, dass wir bereits nach vier Wochen heiraten konnten, das war die absolut kürzeste Frist für das Aufgebot, gewöhnlich dauerte es mindestens sechs Wochen.

Die Eltern haben eine schöne Hochzeit vorbereitet und die Schwiegereltern alles mitgemacht, ohne es an die große Glocke zu hängen. Nur die Schulkameraden, die haben wieder gefragt:

»Ja, warum musst denn Du heiraten?«

Ich hab’ rumgedruckst, sodass die meinten, da müsse doch was im Busch sein. Das war mir lieber, denn wenn die auf den wahren Grund gekommen wären — wer weiß. Drei Tage nach der Hochzeit setzte ich mich in den Zug und war weg, ganz offiziell. Inge hatte keine Ausreisegenehmigung. Ein Freund hat sie ein paar Tage später über die grüne Grenze gebracht, sie musste durch die Saale waten, und ich habe sie auf der anderen Seite abgeholt und in unser Quartier zum Angerer nach St. Johannis gebracht.

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